Im Rahmen der Via Alpina, einer Alpendurchquerung des gesamten Alpenbogens von Triest nach Monaco durch alle 8 Alpenstaaten, stand in diesem Jahr die erste Wegstrecke in den Westalpen an. Aus dem Saastal sollte vorwiegend auf der GTA, der Grande Traversata delle Alpi, in den Gran Paradiso-Nationalpark gewandert werden. Bei der Terminfestlegung im Oktober 2014 spekulierte man auf ein „stabiles Hoch“ in den ersten 2 Juliwochen 2015... 

Petrus hielt sich an diese Vorgaben. Wir hatten allerdings nicht bedacht, das ein „stabiles Hoch“  mit Temperaturen von 35 Grad Celsius im Schatten einhergeht. Auch wenn es in höheren Lagen etwas weniger warm war, wann findet man dort Schatten? So gestaltete sich die Wanderung vom Mattmarksee nach Piamprato zu einer „Hitzeschlacht“ in einer grandiosen Naturlandschaft. 

7 Wanderinnen und Wanderer aus dem Sauerland stellten sich dieser Herausforderung; konditionsstarke Wanderer, die in der Mittelgebirgslandschaft des Sauerlandes alle mehr als 40 km je Tag wandern können.

Am 30.6.2015 erfolgte die Anreise per Bahn (8 Stunden) nach Brig; von dort ging es per Postbus in das von der Sektion Hochsauerland des Alpenvereins schon mehrmals für Standortwanderungen gebuchte Hotel Moulin in Saas Grund. Ein bewährtes Hotel für den Start zu einer Wanderung in’s völlig unbekannte Piemont.

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Gruppenfoto am Hohsaas
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Anstieg zum Monto-Moro-Pass

Doch am nächsten Tag (1.7.) ging es zunächst mit der Seilbahn zum Hohsaas –von dem bei bestem Wetter ein Alpenpanorama der Extraklasse auf 18 Viertausender des Wallis zu bestaunen war. Per Bus fuhren wir anschließend zum Start am Mattmarksee. Von der Staumauer (2.200 m) ging es weitgehend eben an der Westseite des Mattmarksees entlang.  Dann folgte ein „schweißtreibender“ Anstieg zum Monto-Moro-Pass (2.868 m) und der in Passnähe von Weitem sichtbaren goldenen Madonna. Etwa ab 2.500 m Höhe waren nur noch wenige Wegmarkierungen sichtbar. Wir mussten uns über lange nordseitige Altschneefelder Richtung Pass mühen. Offensichtlich hatten vor uns noch keine Wanderer die Überschreitung des Passes gewagt. Bei guten Sichtverhältnissen war dieser Anstieg jedoch unproblematisch. Ja, wir hatten in diesen Altschneefeldern wahrscheinlich manche Serpentine abgekürzt, denn wir waren bereits in knapp 4 Stunden am Rifugio Oberto Maroli. Von hier konnten wir überraschenderweise noch mit der letzten Seilbahn in’s Tal schweben. Da am folgenden Tag eine „Hammertour“ anstand, wanderten wir von Staffa (Magugnaga) noch etwa 3 km nach Borca, wo wir im Gasthof Alpi ein gutes Quartier fanden und ein ausgiebiges Mehr-Gänge-Menue genießen konnten.

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Lago della Fate (1309 m)
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Schneefelder am Colle de Turlo

Aufbruch am 2.7. um 6 Uhr in Borca (1.200 m). Steil aufwärts zum Lago della Fate (1309 m); dann weiter im Quarazza-Tal zur „Citta Morta“, der toten Stadt. Es ist eine verlassene Goldgräbersiedlung – etliche Warnschilder weisen auf die Verseuchung des Bodens im Bereich der Citta Morta hin. Wir wanderten langsam ansteigend weiter zur Alpe Piana (1.613 m), von wo es auf einer Militärstraße nun steiler aufwärts zum Bivacco Lanti (2.150 m) ging. Hier wäre bei einer Wetterverschlechterung oder bei Konditionsmängeln Gelegenheit gewesen, die Tour zu teilen. Trotz der Hitze war dies nicht nötig. Wir wanderten auf dem Militärweg weiter aufwärts; ab etwa 2.500 m Höhe mussten wir auf den nordseitigen Schneefeldern unseren Weg selber finden. In dem nun schon etwas sulzigem Schnee eine anstrengende Angelegenheit! Am Colle de Turlo (2.740 m) erreichten wir einen stilvollen Rastplatz. Der Abstieg in das Sesia-Tal Richtung Alagna zog sich auf dem Militärweg erstaunlich in die Länge. Vorbei an bewirtschafteten und unbewirtschafteten Walsersiedlungen  erreichten wir nach ca. 12 Stunden das Rif. Pastore (1.575 m, CAI).

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Blick von Riva Valdobia zum Mote Rosa Massiv

Bei schönstem Wetter konnten wir am 3.7. zunächst die tolle Aussicht auf das direkt vor uns liegende Monte Rosa Massiv mit seinen ca. 3.000 m hohen Fels- und Gletscherwänden bewundern. Nach der anstrengenden Tour am Vortag war nun ein „halber Ruhetag“ angesagt. Flussabwärts wanderten wir nach Alagna, wo Eis essen, Lebensmittel einkaufen und vormittägliche Siesta auf dem Programm standen. Auf dem Weg nach Riva Valdobbia (1200 m) begann es leicht zu regnen. Erfrischend! Da uns die „dunklen Wolken“ nicht gefielen, legten wir in Riva Valdobbia in einem Gasthof eine zweite Siesta ein. So entgingen wir einem kurzem, heftigem Gewitter. Nach dem Gewitter wanderten wir zügig zum Etappenziel zum Rif. San Antonio di Valle Vogna (1.380 m). Kurz nach unserem Eintreffen gab es ein weiteres heftiges Gewitter! Alles richtig gemacht – oder Glück gehabt! Früh ging es abends zu Bett.

Denn am 4.7. wartete bereits die Hammertour Nr. II. Aufbruch daher um 5 Uhr morgens. Durch das wunderschöne Valle Vogna ging es in der Kühle des Morgens auf breitem Weg gemächlich aufwärts; vorbei an bewohnten Walsersiedlungen, aber auch an verfallenen Walserhäusern. An der Ponte Napoleon wurde der Weg schmaler und naturbelassener; bald aber auch steiler ansteigend. Die Topografie meinte es an diesem Tag gut mit uns; wir konnten lange Zeit im Schatten aufsteigen. Erst kurz vor dem Lago Negro „packte“ uns die Sonne – aber da lagen nur noch knapp 200 Höhenmeter vor uns bis zum Passo del Macagno (2.500 m). Das hatte überraschend gut geklappt! Nun sollten mit dem Colle Lazoney (2.400 m) und Colle della Mologna (2.380 m) „nur“ noch 2 niedrige Pässe folgen. Nach einem steilen Abstieg und und einem kurzen Gegenanstieg war der Colle Lazoney rasch geschafft. Der Übergang vom Colle Lazoney zum Colle della Mologna hingegen erwies sich als recht lang, schattenlos und mit vielen Höhenmetern im ständigen Auf und Nieder. Aber irgendwie und irgendwann war auch der Colle Mologna erreicht. Von dort konnte man das Bier am Rifugio Rivetti (2.150 m, CAI) bereits riechen – und nach einem halbstündigen Abstieg sogar trinken. Eine lange 12-Stunden-Tour lag hinter uns. Das Rif. Rivetti ist eine einfache Bergsteigerunterkunft mit ausgezeichneter Küche. Wohltuend, das dort auf die Vermeidung von Verpackungsmüll großer Wert gelegt wurde!

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Almhütten im Valle Vogna
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Rifugio Rivetti (2.150 m)

Sonntag, 5.7.15: Abstiegstag und auf Pilgerwegen in’s Kloster. Zunächst ein steiler Abstieg vom Rif. Rivetti in Richtung Piedicavallo. Dabei tat ein erfrischendes Bad in den Gumpen des Mologna-Flusses gut. Nach einer Mittagspause in Piedicavallo wanderten wir auf der Fahrstraße in den Wallfahrtsort Rosazza (900 m). Beim Anstieg zum Kloster San Giovanni d’Andorno (1.020 m) hatten wir einen hohen Blutzoll zu zahlen. Nein, keine Verletzten, sondern lediglich freiwillige Blutspender an durstige Mücken. Im Kloster fanden wir eine saubere Unterkunft mit leckerem Abendessen.

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Santuario Oropa (1.200 m)

Auch am Montag, 6.7.15 wieder ein gemütlicher Pilgertag! Teils auf Maultierwegen (oder Moskitopfaden?) und einer wenig befahrenen Teerstraße stiegen wir auf  zur Locanda della Galeria Rosazza (1.620 m), an der wir kurz einkehrten und sämtliche gekühlten (alkoholfreien) Getränke aufkauften. Die Verständigung klappte problemlos, die Bedienung hatte einige Jahre in Deutschland gelebt. Durch eine langen Tunnel gelangten wir auf die andere Seite des Berges. Von hier hatten wir einen ersten Blick auf Santuario Oropa (1.200 m), den bedeutendsten Marienwallfahrtsort in den italienischen Alpen. Dieser Marienwallfahrtsort soll bereits im 4. Jahrhundert nach Christus entstanden sein; seit dem 12. Jahrhundert wird die schwarze Madonna in einer Kapelle, um die die heutige Basilika errichtet wurde, verehrt. Wir besuchten den Marienwallfahrtsort und wollten eigentlich mit der Seilbahn am späten Nachmittag zum Rif. Rosazza auffahren. Die Seilbahn fuhr ganzjährig, außer montags! O, Schreck, wir hatten ja Montag! So übernachteten wir im gut ausgestatteten Pilgerheim in Oropa.

Am Dienstag (7.7.) dann der Aufstieg zum Rif. Coda (2.280 m, CAI); auf die evtl. geplante Überschreitung des Monte Mars (2.600 m) verzichteten wir, da die Aussicht an diesem Tag nicht ganz so prickelnd war. Es war recht neblig, was sogar als angenehm empfunden wurde – andererseits machte uns die hohe Luftfeuchtigkeit zu schaffen. Im ständigen Auf und Ab erreichten wir am frühen Nachmittag das Rif. Coda. Am späten Nachmittag gab es dann das ersehnte und erwartete Gewitter… 

Klare Sicht am nächsten Tag (8.7.) bis zum Mont Blanc, zur Monte Rosa und in den Gran Paradiso Nationalpark. Ein wunderschöner Wandertag mit einem abwechslungsreichen Weg über mehrere „Buckel“ zum Mont Roux (2.318 m), dem einzigen Gipfel während der gesamten 14-tägigen-Wandertour. Vom Mont Roux ein steiler, mit Seilen gesicherter Abstieg zum Colle de la Lace (2.120 m). Ab hier war die Wegmarkierung auf einer zertrampelten Kuhwiese nur noch sporadisch sichtbar. Weglos „kämpften“ wir uns zum nächsten markanten Punkt durch; und bald konnten wir auf der wieder ausgeschilderten GTA zum Agriturismo Trovinasse weiter absteigen (1.370 m). Urlaub auf dem Bauernhof! Das bedeutete, das das in allen von uns im Piemont besuchten Quartieren ohnehin sehr üppige und preiswerte Abendessen noch getoppt wurde. Essen bis die Hose platzt!

Abendstimmung am Rifugio CodaLupe
Abendstimmung am Rifugio Coda
Blick zur Monte-Rosa-GruppeLupe
Blick zur Monte-Rosa-Gruppe
Abstieg vom Mont RouxLupe
Abstieg vom Mont Roux

Am Donnerstag (9.7.) dann eine Doppeletappe. Zunächst gut 1000 Höhenmeter Abstieg nach Quincinetto im Aostatal (295 m, tiefster Punkt der GTA). Nach etwa 3 Stunden Abstieg über Wiesen, durch Wald und Weinberge eine Rast mit bierähnlichen Getränken (Eistee); dann 1.100 Höhenmeter Anstieg im oftmals  schattigen Wald zum Agriturismo La Capanne (1.400 m). Hier wurde uns ein Schlafsaal zugewiesen, in dem man bequem mit einem Roller zu den Betten fahren konnte. Schließlich hatten wir Wanderer es uns verdient!

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Weinberge bei Quincinetto
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Schlafsaal im Agriturismo La Capanne

Auch am Freitag (10.7.) stand wieder eine recht „knackige Bergtour“ an. Zunächst durch Wiesen und auf einer Teerstraße aufwärts zum Casa Pietrabianca (1.580 m), dann über die Alpe Valbona zum Colle Lavaroza (2.147 m). Dieser 750 Höhenmeter Anstieg wurde in der Kühle des Morgens in gut 2 Stunden bewältigt. Dann ein Wegweiser: Nur noch 3,5 Std. bis Fondo! Waren wir so schnell geworden? Oder stimmten die eigentlich recht realistischen Zeitangaben im Reiseführer GTA von Werner Bätzing auf einmal nicht mehr? Zunächst ein gut zu gehender Abstieg zum Rif. Chiaramonte (2.015 m); nur im August bewirtschaftet.

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Stark abschüssiges Gelände
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Heuweg

Danach folgte jedoch die erste richtige Herausforderung dieses Wandertages: die Umrundung des Berges Cavalcourt im hohen Gras in einem stark abschüssigen Gelände! Obwohl gutes Wetter war, war es im hohen und feuchten Gras manchmal recht rutschig. Jeder Schritt musste gut überlegt werden, denn ein Ausrutscher in diesem Steilgelände hätte böse Folgen haben können. Langsam meisterten wir diesen Wegabschnitt.  Vorbei an einigen verlassenen Steinbauten stiegen wir nun steil abwärts, um bald auf einen „Heuweg“ zu kommen. Ja, hier hatte man es mit den GTA-Wanderern gut gemeint. Man hatte den Weg gemäht und das abgemähte Heu im Weg liegen lassen. Große Rutschgefahr! Da das Gelände hier nicht sonderlich ausgesetzt war, gab es 2 Möglichkeiten: Entweder langsam und ziemlich sicher gehen oder schnell rennen und „Bodenübungen“ riskieren! Beide Varianten wurden erprobt. Der vom Berg sehr schön aussehende Ort Succinto machte einen recht verlassenen Eindruck. Von hier war es noch eine Dreiviertelstunde bis zum Quartier in Fondo (1070 m), ganz in der Nähe einer malerischen Steinbogenbrücke aus dem 18. Jahrhundert. Übrigens: die Gehzeit aus dem GTA-Führer diente wieder einmal als gute Orientierungshilfe…

Am Samstag, 11.7.15, stand eine „Ochsentour“  an, eine Wanderung zur Bochetta delle Oche (2.415 m) und weiter nach Piamprato (1.550 m) im Soanatal. Die besondere Schwierigkeit bei dieser Tour: Da wir in Piamprato kein Quartier gefunden hatten, mussten wir den letzten Bus nach Ronco, der zwischen 16 und 17 Uhr fahren sollte, erreichen. Deswegen: früher Aufbruch und erst einmal „Strecke machen“  im Chiusella-Tal. Vorbei an einigen bewirtschafteten Alpen ging es bis zum Talschluss; dann gab es nur noch eine Richtung: aufwärts, aufwärts und noch mal aufwärts bei wolkenlosem Himmel! Aufwärts zur Ochsenscharte – fast 1.400 Höhenmeter. Langsam und gleichmäßig gehend erreichten wir die „Ochsenscharte“; etwa eine halbe Stunde später als geplant. Nach einer etwas kürzeren Rast ging es nun steil abwärts, teilweise waren zur Sicherung Ketten angebracht. Dann führte der Weg durch „Urwald“ abwärts nach Piamprato, auf den letzten Kilometern wieder auf einem gut zu gehenden Wanderweg. Pünktlich erreichten wir den Bus…

im Chiusella-TalLupe
im Chiusella-Tal
Aufwärts zur OchsenscharteLupe
Aufwärts zur Ochsenscharte
Abstieg nach PiampratoLupe
Abstieg nach Piamprato

Und am 7. Tage sollst Du ruhen! Sonntag, Siesta in Pont Canavese, im Albergo Bergagna. „Kaisertag“!

Dann per Bus und Bahn über Turin nach Mailand; Dombesichtigung und Shopping. Letzteres klappte nicht ganz so gut, da wir bergmäßig gestylten Wanderer in den Nobelhäusern Milanos als Kunden völlig verkannt wurden.

Am Dienstag (14.7.) Rückfahrt über Zürich, Basel und Köln in’s Sauerland.

Fazit:  Eine Tour der Superlative!

Eine Wanderung, die manche Bedenken nicht bestätigte und unsere Erwartungen vielfach übertraf!
Eine Wanderung in einer grandiosen Landschaft mit Hochgebirgscharakter!
Abwechslungsreiche Wege in Höhen zwischen 300 und fast 3.000 m!
Unterkünfte in Berghütten, Gasthöfen, Bauernhöfen, Klöstern, Pilgerheimen und Hotels!
Meist gute Unterkünfte, oft mit Duschgelegenheit!
Die Reservierung der Unterkünfte von Tag zu Tag klappte bis auf eine Ausnahme (am Wochenende!) trotz der recht großen Gruppe hervorragend!
Eine kulinarische Genusstour mit leckerem Vino Rosso!
Ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis!
Herrliches Wetter, auch wenn die Sonne es manchmal zu gut mit uns meinte!
Weniger Sprachprobleme als erwartet!
Wir trafen viele freundliche und hilfsbereite Menschen!
Wandern in einer „eingespielten“, leistungsfähigen, hochgebirgstauglichen Gruppe!
Eine gute Gemeinschaft!
Eine Streckenwanderung als „Gemeinschaftstour“? Auch das geht!

Die GTA scheint in den vergangenen Jahren an Wertschätzung gewonnen zu haben; hinsichtlich der Quartiere ist moderat „aufgerüstet“ worden.
Wir freuen uns auf den Weiterweg in Richtung Süden…

 

Reinhard Camatta